Angst

Von Monstern und Dämonen

„Mami, lass´ die Tür einen Spalt offen“, flüsterte Tom, als es Zeit war, zu schlafen. Der Schein des Lichtes blendete ihn zwar, dennoch fühlte er sich sicherer, wenn er wusste, dass er da war. Solange er sichtbar war, konnte ihm nichts geschehen. Die Monster unter seinem Bett und in seinem Schrank, die sie wie jeden Abend vor dem Schlafengehen gesucht und nicht gefunden hatten, konnten ihm nichts anhaben. Mama sagte immer: „Die Monster existieren nur in deiner Fantasie, Tommy, sie sind nicht echt“. Er wusste, dass sie es gut meinte, dennoch irrte sie sich. Da war er sich ganz sicher. Er hatte sie gesehen, wie sie näherkamen, nach ihm griffen. Ihre Fratzen dicht neben sein Kopfkissen drückten, hämisch lachten. Was die Monster wollten, das wusste Tom nicht. Hatten sie ihm doch nie geschadet. Gaben sie sich damit zufrieden, ihm Angst einzujagen?
Viele Nächte und Tage lang dachte er darüber nach. Kamen sie, um die Umgebung zu erkunden und zuzuschlagen, sobald der Zeitpunkt günstig war? Hatten die gemeinen Biester einfach Freude daran, Kindern einen kalten Schauer über den Rücken zu jagen? Vielleicht amüsierten sie sich darüber, gemeinsam mit ihren Monsterfreunden.

Umso älter Tom wurde, umso weniger zeigten sich die Monster. Nacht für Nacht wurden es weniger, bis zuletzt nur noch ein Schatten übrig war. Starrte er an die Decke, lange genug, konnte er ihn sehen. Er legte den Kopf schief und betrachtete den Schatten ganz genau. Bei genauem Hinsehen wurde er bedrohlicher, als wollte er auf ihn hinabfahren. Nach ein paar Minuten war er wieder verschwunden. Bis er niemals wiederkam.

Tom lag auf seinem Sofa, als er erwachte. Der Fernseher lief noch immer. Seitdem er erwachsen war und alleine lebte, passierte es ihm regelmäßig, dass er so lange fernsah, bis ihm schließlich die Augen zufielen und er nicht mehr dazu kam, zu Bett zu gehen. Blind tastete er nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher ab. Ihn konnte er abschalten, seine Gedanken jedoch nicht. Die Dämonen, die ihn jagten, waren realer als die alten Monster. Dennoch waren sie nicht greifbar. Was sie wollten, diese schwarzen Gedanken, seine Dämonen, das wusste er auch jetzt nicht.
Der Lichtschein, der ihm früher zum besseren Einschlafen verholfen hatte, brachte keine Linderung mehr. Er war nur noch eine Störung seines Schlafes. Oft lag er im stockdunklen Raum und starrte in die Finsternis. Die Gedanken, denen er nachhing, ließen sich nur selten stoppen. Das Leid der Welt reicherte sich in ihnen an. Er konnte nicht begreifen, wieso er es nicht loslassen konnte, was es war, das Besitz von ihm ergriff. Nacht für Nacht.

Er ertappte sich dabei, wie er sich die alten Monster zurückwünschte. Jene, die lachten und bei ihrer vermeintlichen Monsterversammlung kicherten, weil Kinder in Angst und Schrecken in ihren Betten lagen. Dank ihnen. Die Dämonen, die da jetzt waren, lachten nicht.
Sie jagten ihn, in völliger Dunkelheit und bei Tageslicht. Sie waren immer da. Waren sie auch nur in seinem Kopf, so waren sie nicht weniger bedrohlich. Sie ließen nicht ab von ihm. Die Dämonen waren jetzt ein Teil von ihm.

Aber wer hatte sie hineingelassen?

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Schweißgebadet schreckte Thomas auf. Er sah sich um, sein Zimmer war dunkel. Alles was er sehen konnte, war schwarz. Er atmete tief durch. Versuchte, nicht mehr daran zu denken, an die schrecklichen Bilder in seinem Kopf. Furchtbare Bilder der Gewalt. Direkt vor ihm.
Nachts, auf dem Weg nach Hause aus der Bar hatte er miterlebt, wie sechs großgewachsene Männer zwei Männer zusammenschlugen. Die Schreie waren nicht zu überhören. Er blickte in die Seitenstraße und sah den Kampf, zuckte zusammen. Das Blut schoss ihm in den Kopf, sein Herz pochte wie wild. Was sollte er tun? Was konnte er tun? Aufgeregt fingerte er nach seinem Handy, als er es hatte, fiel es zu Boden. „Mist!“ raunte er und sah sich gleich darauf um. Hatten sie ihn gehört?
Schläge peitschten auf den, der am Boden lag. Er wählte den Notruf: „Polizei, was können wir für Sie tun?“ sagte eine sanfte Stimme. „Sie müssen eine Streife schicken, am besten auch gleich einen Krankenwagen, Ebertstraße 5“, gab er mit zitternder Stimme zurück.
„Junger Mann, was ist denn passiert?“ fragte der Beamte.
„Es passiert. Es passiert noch. Eine Schlägerei“, sagte Thomas, seine Antwort beinahe ein Schluchzen. „Sieht sehr schlimm aus“, fügte er ängstlich hinzu.
„Danke für die Meldung, ich schicke sofort jemanden!“ bestätigte der Polizist mit der ruhigen Stimme. Dann wurde die Verbindung unterbrochen.
Thomas stand nah an einer Hauswand, immer noch ängstlich. Er wollte warten, bis die Beamten eintrafen. Minuten erschienen wie Stunden. Stunden um Stunden. Immer wieder blickte er die Seitenstraße hinab. Zwei Männer lagen am Boden, noch immer wurde nicht von ihnen abgelassen.
Als der Streifenwagen, gefolgt von einem Krankenwagen, um die Ecke bog, atmete Thomas aus. Jetzt würde alles gut werden. Wie versteinert stand er da, blickte auf die Hauptstraße direkt vor ihm.
Autos rasten vorbei. Ohne einen weiteren Blick in die Seitenstraße trugen ihn seine Beine nach Hause. In dieser Nacht fand er keine Ruhe. An Schlaf war nicht zu denken, zu schrecklich, die Bilder in seinem Kopf.

Als der nächste Morgen kam, waren die Nachrichten übersät von der Schreckensmeldung.
„Schlägerei mit Todesfolge, ein Opfer schwer verletzt im Koma“, hieß es.
Thomas schaffte es gerade noch in die Küche, übergab sich in die Spüle. Tränen liefen über sein Gesicht, als er auf dem Fußboden zusammensackte.
Hätte er sie retten können, wenn er nicht ein solcher Feigling gewesen wäre?
Er hatte die Wahl gehabt.
Hatte er?