Familie

Geschichten eines Lebens

„Opa, erzähl mir eine Geschichte“, sagte Pauline fordernd und zupfte ihren Großvater neckisch an seinem Ärmel.
„Mein Engel, aber Du kennst alle meine Geschichten bereits. Ich bin doch nur ein alter Mann. Neues habe ich nicht zu erzählen“, gab ihr Großvater sanft zurück und umarmte sie.
„Keine Ausreden, Opa, nun fang schon an“, lachte sie und wusste, der Tag, an dem ihr der Wunsch einer Geschichte verwehrt werden würde, würde niemals kommen.

„Na gut, Du hast es so gewollt“, begann er. Dabei sah er Richtung Himmel, als könnte er die Zeilen in den Wolken ablesen:

„Als ich noch klein war, ein wenig jünger als Du jetzt, Pauline, sah ich auf einem Volksfest einen Mann Trompete spielen. Ich war so fasziniert von ihm und seinem Instrument, dass ich jeden Tag, solange das Fest andauerte, zu der kleinen Bühne zurückging, auf der er täglich mehrere Auftritte hatte. Menschen gingen vorbei. Manche warfen ihm silberne Münzen in seinen Hut am Bühnenrand. Ich saß einfach nur da und lauschte. Sobald der letzte Tag des Volksfestes angebrochen war, begann ich mich zu fragen, wo ich fortan solch schöne Musik hören könnte. Ich ging ein letztes Mal zum Marktplatz, um dem Trompetenspiel zu lauschen. Nach seiner Vorstellung hielt der Mann kurz inne, drehte sich zu mir herum, so als konnte er nicht entscheiden, ob er mich ansprechen oder ignorieren sollte. Ich lächelte, in Vorfreude, er würde mich beachten. Leider drehte er sich auf dem Absatz herum und verschwand ohne ein Wort. Enttäuscht saß ich dort, die Klänge seiner Musik konnte ich noch immer hören. Eine einzige Träne lief über meine Wange, bevor ich mich aufrichtete und den Heimweg antrat.

Meine Geschwister, insgesamt waren es 13 an der Zahl, drängten sich bereits um den Esstisch. Jeder wollte das beste Stück, und an manchen Tagen waren wir glücklich, wenn wir überhaupt ein kleines Stück von irgendetwas bekamen, ob es nun das Beste war oder nicht. Meine Schwester, Greta, die einige Jahre älter war als ich, zog mich am Ohr, als ich mich setzte und lästerte: „Blödmann, was hast Du heute wieder getrieben, sag schon!“
Ich befreite mich aus ihrem Griff und sagte: „Ich war beim Volksfest und habe dem Trompetenspieler zugehört.“
Ein Raunen ging über den Tisch, während ein paar meiner Geschwister sogar mit den Augen rollten. Natürlich, „der Blödmann“ machte eben auch nur Blödes. Wie konnte es anders sein.

Später in diesem Jahr, es war vor Weihnachten, ging ich einen Umweg durch die Stadt.
Meine Mutter hasste es, wenn ich diesen Umweg von der Schule nach Hause nahm. Zum einen brauchte ich viel länger, und zum anderen führte er mich vorbei an all den Schaufenstern, die besonders zu dieser Jahreszeit mit Dingen gefüllt waren, die wir uns niemals hätten leisten können. Ich liebte es, schöne Dinge zu betrachten, auch wenn die Möglichkeit, etwas davon auf meinen Wunschzettel für das Christkind zu setzen, nicht gegeben war.
‚Wozu war überhaupt ein Wunschzettel notwendig?‘, dachte ich im Stillen.
Waren solche Kinder nicht in der Lage, sich den Wunsch, den sie hatten, zu merken?
Mussten sie ihn aufschreiben wie der Lehrer Schmidt, der sicher über 100 Jahre alt war?

Mein Weg führte mich vorbei an Haushaltswaren, Süßigkeiten und Büchern.
Alle Auslagen waren schön anzusehen. Ich schmeckte beinahe den Karamell auf meiner Zunge, als ich die mit Bonbons gefüllten Gläser im Schaufenster sah. Nichts von alledem brachte mich dazu, anzuhalten, innezuhalten. Bis ich in einem Gebrauchtwarenladen etwas Goldenes sah: Eine Trompete.
Ich starrte sie an, so als würde ich erwarten, dass sie wie von Zauberhand begann, zu spielen. Der Mann, dem der Laden und somit auch die kostbare Trompete gehörte, starrte mich indessen an. Als er in Richtung Tür lief, stieg Panik in mir auf.
Würde er mich vertreiben wollen?
Ich war nicht sicher, ob es mir nun lieber gewesen wäre, er hätte mich ignoriert wie der Trompetenspieler auf dem Volksfest. Die Tür öffnete sich ruckartig, und ich stand dort wie versteinert und sah ihn mit offenem Mund an.
„Mein Junge, kann ich Dir helfen?“, fragte er mürrisch.
„Nein, nein, nein. Es tut mir leid. Mir gefällt diese Trompete“, antwortete ich, hektisch mit den Armen gestikulierend.
„Sie kostet 70 Mark, hast du so viel?“
„Oh nein, nein“, sagte ich und war mir nicht sicher, ob ich so viel Geld jemals gesehen hatte.
Der Mann überlegte, wahrscheinlich, ob er mich nun verjagen sollte, nachdem er sichergegangen war, dass ich kein kaufkräftiger Kunde war. Als hätte er das nicht bereits zuvor gewusst, so arm wie ich ausschaute.„Hör zu. Junge“, sagte er und sein Blick klarte auf.
„Ich könnte wirklich Hilfe im Laden gebrauchen. Bis zum Frühling muss ich meine Lagerräume auf Vordermann bringen. Wenn Du mir damit hilfst, für ein paar Stunden jeden Tag, gehört die Trompete Dir.“
Ich konnte mein Glück nicht fassen. Abwechselnd blickte ich auf die Trompete, diesen goldenen Schatz und den Mann. Er meinte es ernst!
„Ja, natürlich, sofort. Wann, ich meine, wann kann ich anfangen?“
„Komm‘ morgen nach der Schule vorbei, dann zeige ich Dir alles.““

„Opa, nun spiel mir ein Lied“, unterbrach Pauline die Geschichte, die sie schon so oft gehört hatte. Sie sprang auf, öffnete den Koffer und zauberte die Trompete hervor.
Als ihr Großvater zu spielen begann, schloss sie die Augen und saß ganz still neben ihm.
„Pauline, was hast Du aus meiner Geschichte gelernt?“, hielt er inne, die Trompete legte er aber nicht ab.

„Dass nichts Unmöglich ist. Unsere Leidenschaft für etwas niemals grundlos unseren Weg kreuzt. Auch wenn die anderen Witze darüber machen, uns nicht sehen wollen, wir es dennoch schaffen können, unsere Träume Wirklichkeit werden zu lassen.“

„Opa, Du warst ein ganz schön armer Junge, stimmt’s? Das tut mir sehr leid.“
„Das ist schon in Ordnung, mein Schatz. Damals habe ich bereits erkannt, wie reich ich im Herzen bin. Seitdem bin ich es immer gewesen.“

Mit einem Lächeln setzte er die Trompete wieder an und spielte weiter.
Der Klang und das Gefühl, für immer in ihrer beider Herzen.

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Dankbar

„Sie hat so viel für mich getan. Ich darf sie nicht im Stich lassen!“ sagte sich Klara,
beim Abstreifen ihrer Jacke und Schuhe. Gerade war sie vom Besuch bei ihrer Großmutter zurückgekehrt. Auf dem kleinen Tischchen in der Diele ihrer Wohnung lag noch immer die Postkarte, die ihre Eltern geschickt hatten. Diese war aus Malta, es war eine unter vielen.

Klaras Vater war erfolgreicher Auslandskorrespondent einer der renommiertesten Onlinemagazine Europas. Vor wenigen Jahren hatte er seinen Redaktionsjob in Berlin gegen diese Aufgabe eingetauscht. Ihre Mutter und er waren bereits Wochen, nachdem die Entscheidung fiel, aufgebrochen. Damals befand sich Klara noch im Studium. Kunstgeschichte. Ihr Studium hatte Klara nun abgeschlossen und arbeitete in einer örtlichen Galerie. Ihr gefiel ihre Arbeit, aber außer ihr gab es nicht viel, was sie hier hielt. Außer Oma. Bevor ihre Eltern ihr neues Leben begonnen hatten, war sie bereits pflegebedürftig gewesen. Es war für alles gesorgt. Sie genoss Rundumbetreuung und Pflege. Dennoch fehlte eines: Familie.

Mehr als einmal hatten ihre Eltern sie gebeten, die Zelte in Berlin abzubrechen und zu ihnen zu stoßen. Das Magazin ihres Vaters hatte Klara angeboten, eine wöchentliche Kunst-Kolumne zu veröffentlichen. Sie könnte die Galerien der Welt bereisen, gemeinsam mit ihren Eltern.
Zugegebenermaßen, die Aufgabe, darüber zu berichten, war für sie kein Leichtes. Sie war sich aber sicher, dass sie zu bewältigen wäre. Jedes Mal, wenn sie zu ihrer Großmutter aufbrach, nahm Klara sich vor, mit ihr darüber zu sprechen. Sie brachte es nicht übers Herz. Zu schwer, die Schuld auf ihrem Herzen. Das schlechte Gewissen. Die Einsamkeit, in die sie ihre Großmutter womöglich stürzen würde.

Nicht nur einmal war sie wütend nach Hause zurückgekehrt. Nicht, weil ihre Großmutter je etwas gesagt hätte, dass sie erzürnt hätte. Nein, weil sie, Klara, so ein Feigling war. Sie brachte die Worte einfach nicht über ihre Lippen. Auf ihre Eltern war sie wütend. Taten die beiden, die Oma doch näherstanden als sie selbst, eben nur genau das, wonach ihnen der Sinn stand. Selbstverständlich sorgten sie für Oma. Aus der Ferne.
Am nächsten Morgen warf sie einen letzten Blick auf die Postkarte ihrer Eltern und nahm ihre Jacke. Auf dem Weg zur U-Bahn, legte sie sich ihre Sätze gedanklich abermals zurecht:
„Oma, ich liebe Dich aber ich möchte diese Chance nicht verpassen“,
„Bitte weine nicht, ich komme dich so oft es geht besuchen“,
„Ich habe lange gezögert, die Entscheidung aber nun getroffen.“
Als sie den Schlüssel in der Haustür ihrer Großmutter drehte, schlug Klaras Herz bis zum Hals. Anne-Marie, Omas Pflegerin, erwartete sie bereits in der Diele, um ihr die Jacke abzunehmen.
„Geh nur rein zu ihr, Klara. Sie erwartet dich bereits“, sagte sie fröhlich.
Durch die beiden weißen Flügeltüren ging Klara ins Wohnzimmer der alten Dame, die mit dem Rücken zu ihr gerichtet, vor dem großen Fenster saß.
„Mein Kind, wie schön, dass du kommst“, sagte sie. Sie drehte sich in ihrem Rollstuhl herum und schenkte Klara ein engelsgleiches Lächeln. Draußen flog das bunte Herbstlaub umher.
„Ich, ich freue mich auch, Oma“, presste sie hervor.
Wie konnte sie nur? Genau, sie konnte nicht.

Dankbarkeit ist manchmal ein Band, oft aber eine Fessel.
Johann Wolfgang von Goethe

Verlass‘ Dich auf mich

Dein zufriedenes Schnurren ist es, was mich glücklich macht,
ich streiche über Dein weiches Fell.
Du bist wach, siehst mich, wie ich bin.
Schmiegst Dich an, an mich. Küsst mein Gesicht.

Kommst mir entgegen, wenn ich nach Hause komme.
Freust Dich, mich zu sehen. Deine Körpersprache zeigt es.
Forderst mich auf zum Spiel, bekommst nicht genug davon.
Du bist so glücklich, ich bin es auch.

In meinem Arm schläfst Du ein, zufrieden, als wäre das hier
das Paradies. Ja, so ist es.
Sanft küsse ich Deinen Kopf: „Ich habe Dich lieb“, flüstere ich.
Du machst mich glücklich, liebst mich einfach so.

—-

Freudig springst Du in die Höhe, Dein Lächeln voller Jubel.
Körpersprache, rein und ehrlich.
Du hast gewartet auf mich,
würdest warten, egal, wie lange es dauert.

Du verstehst nicht, warum ich manchmal gehen muss.
Manchmal winselst Du leise, wenn ich Dich zu Hause zurücklasse.
Ich weiß, es geht Dir gut, auch wenn ich nicht da bin.
Mein Herz schmerzt trotzdem, ich weiß Du vermisst mich.

Weit sind Deine Sprünge, über endlose Felder.
„Das muss der Himmel sein“, lese ich in Deinem Blick.
Glücklich wälzt Du Dich im Gras, sprintest erneut los.
Ich pfeife, Du kommst zurück zu mir.
Zu mir.

—-
Du hast mich schon von weitem gesehen,
meinen Wagen gehört.
Körpersprache, ehrlich und echt.
Ich strecke meine Hand aus nach Dir,
sehe die Liebe in Deinem Blick.

Ich steige über den Zaun,
gehe auf Dich zu,
Du weißt nicht, wie groß und stark Du bist.
Schmiegst Dich an, so dicht wie möglich,
schnaufst zufrieden.

Auf Deinem Rücken und wir fliegen.
Du hast Deinen eigenen Plan,
gehorchst aber, die Ohren gespitzt.
Glücklich, dass wir beide eine Reise machen,
Du und ich. Wir fliegen.


Verlass Dich auf mich, ich werde Dir alles geben was ich kann.
Lasse Dich nicht allein, liebe Dich, mit ganzem Herzen.

Bis Deine Kraft nicht mehr ausreicht, mich zu tragen,
Du nicht mehr aufstehen kannst.
Bis Dein letztes Schnurren erklingt, Dein Blick verschwimmt,
Du müde bist, vom Leben.
Bis Dein letzter Spaziergang kommt, Du nichts mehr essen möchtest.
Dein Spielzeug unberührt bleibt.

Wenn sie sagen, Du kannst nicht mehr,
ich muss entscheiden.
Der Abschied wird mein Herz entzweien,
möchte nicht ohne Dich sein.
Werde Dich dennoch gehen lassen, wenn ich muss.
Ich bleibe bei Dir, bis zum Schluss.
Dich für immer lieben. Für immer und immer mehr.
Ich werde wissen, ich hatte das Paradies mit Dir.
Werde wissen, genau das ist es, was ich Dir gab.
Alles.

Verlass Dich auf mich, ich werde da sein,
wenn Dein Atem stirbt.
Dich halten und Dich lieben.
Dir sagen „Danke, für die Zeit im Paradies“,
beten, dass wir uns wiedersehen.
Ich weiß, dort wo die reinen Seelen sind, dort gehst Du hin.
Verlass Dich auf mich, mein Bestes werde ich geben,
damit ich auch dorthin kommen darf.

Dein Lächeln

An Deiner Hand ging ich die Straße entlang.
Ich sah auf zu Dir.
Du nahmst mich auf Deinen Arm, mit einem Lächeln.
Niemals war Dein Blick zu mir ohne jenes Lächeln.

Nicht nur jetzt sah ich die Welt, wie Du sie sahst,
oft hast Du sie mir gezeigt.
Unzählige Stunden lauschte ich dem Klang Deiner warmen Stimme.
Lauschte Geschichten, die voll Fantasie waren und solchen,
die nicht nur für uns beide, sondern für alle Welt Wirklichkeit waren.

Du warst nicht immer ein Held, jedoch immer meiner.
Viele Abgründe musstest Du sehen, Leid ertragen,
gezwungen, Wege zu gehen, die Menschen nicht einmal sehen sollten.
Du musstest wachsen, um nicht zu verlieren.
Mutig sein, weil es das Einzige war, was blieb.

Fernab von Perfektion wusstest Du, Du warst stärker als es schien.
Weit weg von Deiner Heimat war sie alles, was Dir blieb, für diesen Augenblick.
Dem Tode so oft im Angesicht, dass es für das Leben von Generationen reicht.
Warst Du nur einer unter vielen, so warst Du immer der meine.

Du bist es, von dem ich weiß,
dass Liebe keine Grenzen kennt,
wir stärker sind als wir erscheinen,
dass der Kampf sich lohnt.
Dein Mut ist, was mich treibt,
an Unmögliches zu glauben, Dein Glaube,
was mich abends einschlafen lässt.
Und am Ende war da noch Dein Lächeln, das für immer bleibt.