fantasy

The song of the wolf (part 3)

Burning hot, the pain rushes through my veins,
pain of transformation.
My eyes are filled with blood, blood is what I am craving for.

I’m dying, floating and falling,
iciness and fire, alternate, a tunnel full of stars,
a storm, I’m falling into,
nothing stops me.

Moments of my life flash by,
not of interest to me, I’d look away if I could,
at the same time I know, they are lost forever.
Wolves are howling, is this my end?

My heart, pumping wild, and I know,
I cannot survive. Razor sharp blades
piercing my body.

There’s nothing but me, in this universe.
My body in flames, my mind drifting away.
I let it happen, accepting the pain.

While there’s only so much I can take,
I pray the fire would burn me to ashes.
“Kill me already”, I beg,
let it be my end, right here, right now.
„It’s not the time to give up“, a voice is whispering.

A cold chill captures me,
cooling all my limbs,
all my senses, the pain fades away
like was never present.

Indescribable power arising in me,
a strength I’ve never had before.
I know I can get up, ready to fight,
now that I’m strong.

This weak human I used to be,
is no more, unable to fight,
he lost.

Here comes the wolf!

 

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Das Lied des Wolfes (Teil 3)

Glühend heiß schießt er durch meine Adern, der Schmerz,
es ist der Schmerz der Verwandlung.

Blutunterlaufen meine Augen, Gier nach Blut macht sich in mir breit.
Ich sterbe, schwebe und falle,
Eiseskälte und Feuer wechseln sich ab,
ein Tunnel voller Sterne, ein Sturm, ich falle ungebremst.

Momente meines Lebens rasen vorbei,
ich würde wegsehen, wenn ich könnte, es interessiert mich nicht.
Zugleich weiß ich, sie sind für immer verloren.
Die Wölfe heulen, ist das mein Ende?

Mein Herz, es schlägt wie wild, und ich weiß,
ich kann das nicht überstehen.
Messerscharfe Klingen durchbohren mich.

Dort gibt es nichts, nichts außer mich,
in diesem Universum.
Mein Körper steht in Flammen, mein Geist treibt davon.
Ich lasse es geschehen, akzeptiere den Schmerz.
Mehr kann ich nicht ertragen,
bete, dass die Flammen mich zu Asche niederbrennen,
„Töte mich endlich“, flehe ich.
Lass dies das Ende sein, genau hier und jetzt.
„Gib‘ nicht auf“, flüstert eine Stimme.

Ein kalter Schauer erfasst mich,
kühlt meine Glieder, all meine Sinne,
der Schmerz verfliegt,
als wäre er nie da gewesen.

Unsagbare Kraft steigt in mir auf,
Stärke, die ich niemals besaß.
Ich weiß, ich kann aufstehen,
bin zum Kampf bereit, ich bin jetzt stark.

Der schwache Mensch der, ich einst war,
er ist nicht mehr, nicht fähig zum Kampf,
war er verloren.

Hier kommt der Wolf!

Wer bin ich? (Teil 2)

Nachdem ich den Schock akzeptiert hatte, denn von Überwindung lässt sich hier nicht sprechen, sah ich mich erneut um. Ich konnte Wasser riechen. Warte, ich konnte Wasser riechen!? Geduckt ging ich auf vier Pfoten der Fährte nach, bis ich am Ufer eines Sees stand. Ich wusste, würde ich zum Wasser gehen, würde ich das ganze Ausmaß meiner Verwandlung sehen. Wollte ich das? Konnte ich das verkraften? In meinen Zeiten als Mensch, dachte ich, hätte ich an solch einem Zeitpunkt erst einmal ein Nickerchen gemacht. Das schien mir nun keine gute Lösung zu sein, also ging ich langsam auf das klare Nass zu. Ich schloss die Augen, so, als ob das den Moment hätte verschönern können und beugte mich nach vorne. Als ich sie öffnete, staunte ich nicht schlecht. Ein majestätischer Anblick, ich wollte mich kneifen um zu überprüfen, ob ich träumte. Mit Pfoten lässt es sich nicht kneifen. Ich betrachtete mich von allen Seiten, animalisch, groß und stark sah ich aus. War ich es auch?
Wer bin ich? In dieser Nacht, die das Ende meines miserablen Lebens als Mensch bedeutete, wurde ich zum wortwörtlich zum Tier. Dem Tier! Einem Wolf.
Mein Fell war weiß und strahlend, strahlend wie meine wachen grünen Augen.
Ich setzte mich zurück, betrachtete erneut meine Pfoten, die tatsächlich riesige Pranken waren. ‚Nicht schlecht‘, dachte ich.

Tage nach meiner Verwandlung war ich noch immer damit beschäftigt, alle Reize, die ich nun wahrnahm, einzuordnen. Ich schlief, und ich jagte. Leider waren es bisher nur kleine Hasen und Eichhörnchen, denen ich den Garaus machte. Dass mein Mitleid quasi verschwunden war, machte es einfacher. Dennoch war ich ein Fan des schnellen Todes meiner Opfer. Die Abneigung Folter gegenüber, hatte ich also auch als Wolf nicht abgelegt. Sollte man nicht meinen, ein Mensch, der plötzlich zum Wolf wird, würde sich mit Gedanken an seine Hinterbliebenen grämen, sein Leben vermissen? Sollte man. Das galt aber nicht für mich. Ich fühlte mich gesegnet. Hatte mein altes Leben abgestreift, nachdem ich mein fabelhaftes neues Äußeres im Spiegelbild des Sees gesehen hatte. Ich liebte es, ein Wolf zu sein, verdammt noch mal!

Plötzlich hatte ich ungeahnte Kraft, ich war schnell, ich war schön. Wer auch immer mich zu dem gemacht hatte, was ich nun war, verdiente meinen Dank. Ich hätte schließlich auch ein Regenwurm werden können, nicht?

Auf meinem täglichen Streifzug durch die Wälder hielt ich Ausschau nach anderen Wölfen, konnte aber keine ausfindig machen. Ob ich mich als Wolf sozialisieren könnte, wo ich als Mensch so eine Niete darin gewesen war? Zumindest wollte ich es versuchen.
Was war ich genau? War ich ein echter Wolf? Gab es mehr von meiner Art?
Versager, die einen armseligen Tod fanden, um dann als etwas Neues, Schönes, wiederzukehren? Es wurde Nacht. Der Mond war voll, und als ich so dalag, dachte ich an die Geschichten über Werwölfe. Würde ich mich nun, beim Vollmond, zum Menschen verwandeln? Für nur eine Nacht? Mit diesem Gedanken sank ich in einen tiefen Schlaf.

Alles stand auf dem Kopf, und als ich versuchte auszumachen, wo ich war, schien es, als stünde der Himmel in Flammen. Ein Feuer brannte lichterloh, die Hitze, beinahe schmerzhaft, drang tief in mich ein. Ich hörte Stimmen, vor Erschöpfung schloss ich meine Augen wieder und lauschte:

„Was machen wir mit ihm, Jungs? Ich meine, wir könnten ihn sterben lassen, den wird ohnehin niemand vermissen“, hörte ich eine tiefe Stimme sagen, der Bass der ihr mitschwang, klang bedrohlich und sanft zugleich.
„Ich habe ihn beobachtet, diesen Trottel, als er mitten ins Moor lief und nicht wusste, wie ihm geschah“, mischte sich eine weitere Stimme ins Gespräch ein. Eine dritte Stimme trug nur mit hämischem Gelächter zur Unterhaltung bei. „Der Boss wird damit nicht einverstanden sein, wir hätten ihn überhaupt nicht retten sollen. Jetzt haben wir den Salat.“

Ich war mir nicht sicher, was ich nun tun sollte. Zum Weglaufen war ich wirklich zu schwach. Wenn ich nur etwas sehen könnte. Als ich in das Rot des Feuers blinzelte, erschien plötzlich eine Fratze, direkt über mir. Es war die tiefe Stimme: „Na, wach, Kumpel?“
„Bin ich tot? In der Hölle?“ fragte ich.
„Nein, kleiner Freund, aber beinahe.“
Sein Gesicht war schwarz, ähnlich eines Totenschädels, Augen konnte ich keine erkennen.
Ich wagte nicht mich zu bewegen, doch dann fühlte ich etwas, das mich in die Höhe zog. Eine unsichtbare Bewegung, die mich mit aller Kraft dazu zwang, mich aufzusetzen.
Die Gestalt direkt neben mir lächelte zufrieden. Als ich mich nun endlich umsah, erkannte ich, dass ich mitten im Wald war. Die Gestalt neben mir folgte jeder meiner Bewegungen, wie ein Standbild vor meinen Augen. Sein totenkopfartiger Schädel schien zu schweben, sein Körper nur dunkler Rauch. Ein rasselndes Husten entfuhr mir und ich war mir nicht sicher, ob ich je wieder atmen könnte. Es fühlte sich an, als verfestigte sich etwas in meinen Lungen.
„Sprich, Junge! Wie würdest du gerne sterben?“, sagte die Stimme neben mir.
Ich zögerte, weil ich tatsächlich nachdachte, dann sagte ich: „Am besten überhaupt nicht?“

Ein tiefes Grunzen, gefolgt von Lachen entfuhr der Gestalt neben mir.
„Hör mal, wir haben dich nicht gerettet, um dir das Leben zu retten.“ sprach er, als wäre dies das Logischste auf der Welt.
„Das macht irgendwie keinen Sinn, wisst ihr?“ sagte ich.
In einer kurzen Sekunde der Stille, in der ich erneut darüber nachdachte, wie ich gerne sterben wollte, bemerkte ich, dass die Gestalt neben mir verschwunden war. Das Feuer erlosch schlagartig. Dort saß ich nun in totaler Dunkelheit. Minuten vergingen und ich merkte, wie sich mir erneut die Kehle zuschnürte. Blut rann aus meiner Nase und meinem Mund, ich war gänzlich mit der schwarzen Masse bedeckt, in der ich beinahe ertrunken war.

Plötzlich stieg grüner Nebel vom Boden auf, ein ohrenbetäubendes Geräusch ging mir durch Mark und Bein. Wie ein Donner, der nicht enden wollte. Ich wurde umgeworfen, lag auf dem Rücken und sah plötzlich alle drei Gestalten direkt über mir. Sie schwebten.

„Lass uns ein Spiel spielen, bitte, dürfen wir? Geben wir ihm eine letzte Chance, weiter zu leben“, sagte eine der Fratzen. Hätten sie Augen gehabt, so hätten die beiden anderen diese sicher verdreht. „Gut, Ned, wie du willst. Lass uns spielen, aber du erklärst ihm die Regeln“, sagte die tiefe Stimme.
„Halt, Moment Mal!“ sagte ich und hob die Hand, was mir außerordentlich schwerfiel.
Nach einem weiteren Hustenanfall und noch mehr dunkelrotem Blut, das aus meiner Nase kam, sprach ich weiter: „Wer seid Ihr, verdammt noch mal? Was für ein Spiel? Und ernsthaft, dein Name ist Ned?“ Ich lachte, so gut ich konnte, nur um erneut vom Husten ergriffen zu werden. Ich war mir ohnehin nicht sicher, ob Sarkasmus in diesem Moment angebracht war.

Die schrille Stimme, die Fratze links von mir, sprach: „Ja, ich bin Ned. Das sind Tony und Karl. Was ist daran so witzig, du Bastard?“
„Ned krieg dich wieder ein Mann, lass dem Jungen den kleinen Spaß. Es wird wahrscheinlich sein Letzter sein“, sagte die Fratze in der Mitte. „Wir sind Moorgeister, über uns schreibt die Menschheit keine Novellen. Dabei sind wir richtig coole Typen. Das Spiel, das wir spielen, könnte dich vorm sicheren Tod bewahren, oder auch nicht. Spielst du aber nicht, stirbst du ja sowieso. Klingt also fair, nicht wahr?“
„Geister, ach so. Ja, natürlich. Darauf hätte ich wirklich selbst kommen können“, gab ich mit dem bisschen Sarkasmus, der mir noch geblieben war, zurück. „Warum habt ihr mich überhaupt aus dem Moor gezogen?“
„Junge, du stellst zu viele Fragen Du beginnst nervig zu werden, das können wir gar nicht leiden“, sprach nun auch die Fratze rechts vor meinem Gesicht und machte eine abwehrende Kopfbewegung.
„Hör zu“, sprach die tiefe Stimme, „Wir sind für die Ordnung im Moor zuständig, Leichen machen sich da nicht so gut. Wir hätten dich also auf keinen Fall dort sterben lassen können. Sterben musst du schon woanders. Wo wir auch bei den Spielregeln wären:
Du hast nur eine Chance, überhaupt weiterzuleben. Wir beschwören einen Zauber, der dich entweder verwandelt und lebensfähig macht oder dich schlussendlich tötet. Was passiert, wissen wir selbst nicht genau. Das kann man nicht vorhersagen. Verwandelst du dich aber nicht, so wird dein Tod langsam und qualvoll. Auch in was du dich verwandelst, entscheidet sich erst, sobald der Zauber wirkt. Du wirst aber auf keinen Fall je wieder ein Mensch sein. Zur Wahl steht also:
a) Ein schneller Tod, gleich hier vor Ort: Deine Erlösung.
b) Du schlägst ein, wir spielen. Der Jackpot ist die Verwandlung, die Niete dein grausamer Tod. Bist du dabei, Kumpel?“

Die Drei sahen mich erwartungsvoll an. Mein ganzes Leben war ich ein Feigling gewesen, war ich jetzt bereit etwas zu wagen?

Ich war:
„Worauf wartet ihr also noch, ihr eingerosteten Geistertypen? Auf die Ghostbusters?“

Wer bin ich?

In meinem früheren Leben war ich Vegetarier, müsst ihr wissen. Bereits in frühester Kindheit brach mir das Herz, beim Gedanken an das Leid der Tiere, die schlussendlich auf der Menschen Teller landeten. Doch es kam der Tag, an dem erwachte ich mit Gier. Blanke Wut stieg in mir auf, beim Gedanken an Grünzeug. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen, es nicht einmal versuchen. So gab ich nach und tue es seitdem. Oft fragte ich mich, warum ich nicht einmal Reue verspürte, hätte mich der Genuss von Fleisch früher noch zum Würgen gebracht, mir die Tränen in die Augen getrieben. Während ich nun leichtfüßig Felsen und Berge erklimme, hätte mich früher ein Rentner im 100 Meter Sprint um Längen geschlagen.

Tatsächlich ist das sogar einmal passiert, so ähnlich zumindest. Ein Tag im Frühling, ungeduldig wartete ich auf den Bus, der mich von der Uni nach Hause bringen sollte. Ich las im Stehen. An der Haltestelle saß ein älterer Gentleman und las ebenfalls. So geschah es, dass wir beide den Bus nicht bemerkten, als er auf die Haltestelle zusteuerte. Auch die Haltezeit von beinahe fünf Minuten zog an uns vorüber.
Beim Umblättern der Seite sah ich aus dem Augenwinkel den Bus, der sich gerade wieder in Bewegung setzte. Ich schrie „Halt, halt!“ und rannte los. Der alte Mann tat es mir gleich, seinen Krückstock in der einen, seine Lektüre in der anderen Hand. Der Bus hatte Mühe durch die belebte Straße zu kommen, sonst wären wir von Anfang an chancenlos gewesen.
Kurz vor Erreichen des Busses riss es mir die Füße weg, ohne jeden ersichtlichen Grund. Für andere war er ersichtlich, denn ich war der Grund. „Ewiger Tollpatsch und Klassentrottel“ würde irgendwann auf meinem Grabstein stehen. Dessen war ich mir sicher.
Das Fallen über meine eigenen Füße war schon immer eine meiner Spezialitäten gewesen. Kauernd neben dem Bürgersteig, rieb ich mir das rechte Knie, das mit dem Gullydeckel Bekanntschaft gemacht hatte. Ich sah auf. Opa – sicher war er jemandes Opa – hatte den Bus tatsächlich erreicht. Stieg gemütlich und zufrieden ein. Als sich die Türen wieder schlossen, war ich noch zu weit entfernt, ganz besonders davon, wieder aufzustehen.
Der Alte ging zum Ende des Busses und setzte sich in die letzte Reihe. Ihr wisst ja, die letzte Reihe ist für die coolen Kids. Lächelnd winkte er mir zu, als der Bus seines Weges fuhr. Immer noch außer Atem, im Versuch mich aufzurichten, gerade als ich dachte, es könnte nicht schlimmer sein, kam eine junge Frau mit Kinderwagen an mir vorbei. Ihr Sprössling, der offensichtlich unzufrieden mit seinem Saft war, ergoss diesen kurzerhand über meinem Kopf. Sie lachte verlegen und sagte: „Das tut mir furchtbar leid! Kinder, was soll man machen?“ Ich konnte sie nicht ansehen, da ich damit beschäftigt war, mir die grüne Flüssigkeit aus dem Gesicht zu wischen. Sobald ich wieder halbwegs gute Sicht hatte, war sie verschwunden. Aber natürlich, was soll man schon machen?

Eine frische Brise erfasst mich, ich nehme einen tiefen Atemzug und setze zum Sprung an. Der nächste Fels ist ein gutes Stück entfernt, doch dort will ich hin. Mit nicht einmal einem Drittel meiner Kraft erreiche ich mein Ziel und sehe mich prüfend auf der Lichtung um. Könnte ich laut lachen, würde ich es tun, beim Gedanken an das jämmerliche Leben, dass ich zuvor hatte.

Mein Leben war geprägt von armseligen Geschichten. Ich war immer der Außenseiter und Sonderling. Keine Chance auf Erniedrigung schien ich auszulassen, selbst dann, als ich mich längst mit meinem Dasein abgefunden und mich nur noch in meinem ebenso jämmerlichen Apartment verkroch, fühlte ich mich anders und von anderen verurteilt. Ein Mädchen hatte ich nie gehabt, wie auch, kamen doch in Anwesenheit von halbwegs interessanten Frauen nur noch abgedroschene Witze und komisches Gekicher aus meinem Mund. „Man lacht nicht über seine eigenen Witze“, hatte mein Vater immer gesagt. Das mag richtig sein, was aber, wenn sonst auch niemand lacht, niemals?
Es war nicht so, dass mein Aussehen besonders hilfreich gewesen wäre. Hager und bleich war ich immer gewesen. Der Haarausfall setzte mit Anfang zwanzig ein und beendete sein Werk ein Jahr später, als kaum noch etwas von dem, was halbwegs als Frisur durchgegangen wäre, übriggeblieben war.
Ich war die Art Sonderling, die selbst die eigene Familie als sonderbar einstuft. Nicht mal die Menschen, von denen man meinen könnte, sie müssten, konnten Gemeinsamkeiten mit mir entdecken. Ich kann es ihnen nicht übelnehmen.

Die Sonne hat ihren höchsten Punkt erreicht. Ich schließe die Augen und strecke mich genüsslich auf meinem Felsvorsprung aus. Wie ich hier herkam? Wenn ich das wüsste, dann wäre ich schon früher hergekommen. Sofern ich den Weg gefunden hätte.

Alles begann in einer lauen Sommernacht. Nach Stunden vor dem Computer, beschloss ich, einen kleinen Spaziergang zu machen. Im Hausflur verspottete mich Frau Kling, meine Nachbarin, ohne die Verwendung jeglicher Worte. Ihr Blick sagte alles. War es Mitleid oder nur Spott? Ich schätze, ein wenig von beidem. Normalerweise ging ich an solchen Abenden meine übliche Route entlang des Flusses, wenn ich anhielt, dann um die vorüberfahrenden Autos zu betrachten. Ich liebte den Trubel, der zu jeder Tageszeit in der Stadt herrschte. An diesem Tag entschied ich mich für einen neuen Spazierweg am Waldrand entlang. ,Für einen neurotischen Einzelgänger wie mich, der Routine liebte, war bereits das ein Wagnis’, dachte ich und schmunzelte. Andere stürzten sich mit Fallschirmen endlos tief in Richtung Boden, während es für mich ein Erlebnis war, die Route meines Spaziergangs zu ändern. Zu diesem Zeitpunkt war mir nicht bewusst, wie sehr diese Entscheidung ein Abenteuer werden sollte.

Ich hing meinen Gedanken nach, als ich mich an einer Lichtung in mitten des Waldes wiederfand. Es war so ruhig, dass es beinahe bedrückend war, also beschloss ich, den Heimweg anzutreten. Meine Uhr war stehen geblieben, was mich nicht weiter verwunderte. Dennoch war ich sicher bereits seit zwei Stunden unterwegs. Wer weiß wie lange der Heimweg mich kosten würde.
Hinweg über einen kleinen Graben – wenn man das so nennen konnte – sah ich eine mögliche Abkürzung. Ich beschloss sie nicht einzuschlagen. Der Weg war von moosbewachsenen Steinen übersät, und ich kannte mein Glück. Ihr erinnert euch an die Geschichte mit dem Bus und dem Opa? Ich ging also brav denselben Weg, den ich gekommen war. Bis ich nicht mehr gehen konnte. Ich steckte fest. Mein rechter Fuß tief im Matsch eingesunken. Durch meine Versuche mich aus der Situation zu befreien, sank ich nur tiefer ein ’Scheiße, das musste ja passieren!’ dachte ich und ergriff einen Ast, um mich daran hoch zu ziehen. Meine Gedanken schweiften ab, zu meiner Sportlehrerin aus Schulzeiten: „Nur Versager und Mädchen schaffen es nicht hinauf am Tau“, hörte ich sie in meiner Erinnerung sagen. Sie blies außerdem in ihre Trillerpfeife, um mich noch mehr zu verspotten. Als mir der Matsch, von dem ich später lernen sollte, dass es sich um ein Moor handelte, beinahe bis zum Kinn stand, konnte ich an nichts Anderes denken als an meine Sportlehrerin und ihre viel zu engen Shorts. Verdammt, das war wirklich kein schöner Anblick gewesen!. Erst jetzt kam mir in den Sinn, um Hilfe zu rufen, war ich es doch gewohnt, dass meine Hilferufe, während die coolen Jungs mich verprügelten, überhört wurden. Nun schrie ich aus Leibeskräften. Die dunkle Masse hatte nun meinen Mund erreicht und ich warf den Kopf in den Nacken, um atmen und schreien zu können. Wie ihr sicher schon ahnt, wäre jede Hilfe zu spät gekommen, allerdings kam auch keine.

Hier sitze ich nun und schaue auf die besagte Lichtung. Die Sonne ist beinahe untergegangen. Dem klugen Leser sollte das sagen, dass ich die Sache irgendwie überlebt habe. Wie? Keine Ahnung. Ich weiß nur als ich erwachte, war es so:

Als ich die Augen aufschlug, musste ich mehrmals blinzeln. Die Sonne war aufgegangen, irgendjemand hatte sich meiner erbarmt und mich im letzten Moment aus dem Moor gefischt. Gott sei Dank oder eher: Meinem Helfer sei Dank! War ich wirklich dankbar?
Ich sah mich um, um mich war nichts zu sehen als Bäume. Als mein Blick nach links schweifte, erschrak ich bis ins Mark: Ein totes Reh! Oh mein Gott! Wer, ja, wer hatte das arme Tier so zugerichtet? Kennt ihr die Redensart: „Man sollte nicht den Kopf verlieren“? Nun ja, dieser Ratschlag ist wohl nicht recht zu diesem Reh durchgedrungen. Sein Kopf lag abgetrennt neben dem leblosen Körper. Igitt! Blut war überall. Vor Ekel schlug ich mir die Hände vor die Augen. Moment mal, was war mit meinen Händen los? Meine Finger gehorchten mir nicht und sie fühlten sich an, als gehörten sie mir nicht. Ich blickte an mir herunter und sah, was ich nie für möglich gehalten hätte. Dann sprang ich auf und richtete mich auf, auf zwei Beinen war das plötzlich ganz schön komisch. So wie ein Elefant im Zirkus. Als ich mein Gesicht abtastete, fühlte ich nichts, zumindest nichts von dem, was dort einmal gewesen war. Erneut fiel mein Blick auf meine Hände, und nun ja, es war so:

Ich hatte keine Hände mehr, ich hatte Pfoten!