Liebe

Ist das Kunst? – Warum Kunst gleich Liebe ist

„Das ist doch hässlich, wie die Nacht“, platzte es aus Timo heraus, als er das Bild, das sein kleiner Bruder gemalt hatte, am Kühlschrank sah.
„Timo, sei nicht so gemein! Dein Bruder ist sehr kreativ. Wir möchten ihn fördern“, sagte seine Mutter streng. Das Bild zeigte ein Stillleben, wie es verstörender nicht sein konnte. Dennoch würde
es für Jahre genau an dieser Stelle am Kühlschrank hängen. Dessen war sich Timo bewusst.

„Es ist- ja, Tatjana, es ist wunderschön. Vielen Dank!“ sagte Elisa zu ihrer Freundin.
Sie steckte fest verschnürt in dem eigens für sie genähten Abendkleid.
Das Kleid war bezaubernd. Würde man aus dem vorletzten Jahrhundert stammen.
Elisa suchte noch nach einem Weg, ihrer Freundin begreiflich zu machen, dass
minimale Veränderungen es zu einem noch schöneren Werk machen würden.
Sie bewunderte ihr Talent ganz aufrichtig. Die Geste ihrer Freundin rührte sie von ganzem Herzen.

„Manche Deiner Texte sind schwer verständlich“, sagte meine Mutter.
Die Tatsache, dass sie bewundert, was ich tue und meine Arbeit stetig verfolgt,
ist genug Lob für mich. Mir ist bewusst, dass nicht jedes Werk den Applaus derselben Menschen ernten kann. Nicht alles was wir schaffen, ist für alle, die uns lieben, geschaffen.

Das Anerkennen der Kunst als solche, ist Liebe pur.
Liebe von denen, die Dich von Herzen lieben.
Liebe von denen, die Dich nicht einmal kennen.
Ist die objektive Meinung über Werke der Kunst, die einzig wahre?
Sicher ist sie jene, die am authentischsten ist.
Ganz sicher jedoch, ist es die Liebe seiner Liebsten, die den Künstler auf den Weg bringt.
Auf dem Weg, Menschen zu verzaubern, die nichts von seinem Zauber wissen.
Jene, die ihm applaudieren, für das, was er schuf. Allein dafür.

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Traum

Hendrik rieb sich verwundert die Augen. Er blickte in einen Himmel voller Sterne.
Ein paar Sternschnuppen waren hier und da zu sehen. Er sah sich um und erkannte, dass dies wohl ein Traum war. War es?
Er saß auf einer Parkbank in einem Park, den er zuvor nie gesehen hatte.
Bis auf das Zirpen der Grillen war nichts zu hören. Langsam ließ Hendrik seinen Blick über die Wiesen vor ihm gleiten. Eine wunderschöne Gestalt bewegte sich langsam auf ihn zu.
Ein Engel? Sie winkte ihm lächelnd zu. „Bunny!“ rief er laut und sprang von der Parkbank.

„Hendrik“, sagte sie und breitete die Arme aus, als sie nur wenige Schritte von ihm entfernt war. „Ich habe Dich vermisst. Du warst lange nicht hier an unserem Platz.“
Er schloss sie in die Arme und atmete ihren Duft ein. Obwohl die Wiesen blühten, roch Bunny nach Zimtstangen. Hendriks liebster Duft.
„Komm, setzen wir uns“, sagte er und deutete mit der Hand auf die Parkbank.
So saßen sie da und blickten gemeinsam in die Sterne, und langsam griff Bunny nach seiner Hand. Er wagte es nicht sie anzusehen, zu sehr fürchtete er, der Moment, der Traum würde dadurch zerplatzen wie eine Seifenblase. Zu viele dieser Träume hatte er bereits gehabt.
Er wollte, dass dieser andauerte, so lange es nur ging.

„Bist du bereit über die Sache zu reden?“ fragte Bunny und drückte seine Hand fester.
„Was meinst Du, über was reden?“ gab Hendrik ehrlich verwundert zurück.
Er sah sie fragend an.
„Na, dass Du ganz offensichtlich Angst hast, mich zu verlieren.“
„Habe ich das nicht bereits, Dich verloren?“
„Wir sind jetzt zusammen, Hendrik. Beantworte Dir die Frage selbst.“
Als Worte nicht mehr genug waren, genau in dieser Sekunde, beugte sich Hendrik zur Seite, beide Hände umschlossen sanft Bunnys Gesicht, als er sie sanft küsste.
Der Moment flog nicht vorbei, er wurde immer intensiver, bis ihre Lippen sich langsam wieder voneinander entfernten und sie sich tief in die Augen sahen.
Bunnys Augen strahlten und Hendrik dachte, wie klischeehaft genau diese Beschreibung doch war. Verzaubert sah er sie an, bewunderte ihre Schönheit. Ohne Worte, bis sie das
Schweigen brach: „Ich wünschte, es könnte immer so sein, Hendrik. Jeden Tag“,
sagte sie leise und sah dabei in den Himmel. Ihre Augen folgten einer Sternschnuppe, die genau in jenem Moment ihren Weg über den Himmel beschrieb.

Ein lautes Klopfen ließ Hendrik hochfahren. Seine Seifenblase zerplatzte.
„Hey, hey Junge! Solltest Du nicht auf dem Weg nach Hause sein?“, fragte ihn der Mann, den er als Hausmeister der Klinik erkannte. Dabei musterte er ihn durch das Beifahrerfenster von Hendriks Wagen.
„Du verschläfst noch deinen freien Abend“, setzte er nach.
Hendrik sah ihn mit erstaunter Miene an: „Ja, ja, bin schon weg. Versprochen, ich fahre gleich“, antwortete er noch immer erstaunt.
Mit einem Grummeln ging der Hausmeister seiner Wege, drehte sich aber nochmals lächelnd und kopfschüttelnd zu Hendrik um.

Hendriks erster Blick fiel auf sein Smartphone. Eine Reihe unbeantworteter Nachrichten waren dort und er nahm nicht an, dass er Lust hatte, diese zeitnah zu beantworten.
Am liebsten hätte er das Fenster geöffnet und das Gerät soweit über den Parkplatz geworfen, wie es nur möglich war. Er startete seinen Wagen und als er dabei war, sein Telefon in die vorgesehene Halterung zu stecken, sah er etwas, dass ihn zutiefst erschütterte. Das heutige Datum: 13.11.2017, 20:46 Uhr.

Traum oder Trauma?

Komm‘ an Bord

Es war an dem Tag, als sie ihn traf, als ihre Überzeugung schwankte wie ein Fischerboot, das schon lange nicht mehr zur See hätte fahren sollen.
Dort stand er, mit seinem selbstsicheren Lächeln und seinen funkelnden Augen.
Ihr Spiegelbild, das sie zurückwarfen, war ein anderes, als sie es gewohnt war.
Dominant war er, dieser Kerl, und jedem anderen Menschen zuvor, der ihr mit solch einer Art begegnet war, hatte sie gesagt, was sie davon hielt: Überhaupt nichts.

Sie war keine Frau die sich gerne führen ließ. Sie selbst war ein Anführer. Geboren, einer zu sein, dazu ermutigt und erzogen. Ihr Wort war stets das erste und das letzte gewesen. Viel wichtiger: Das maßgebliche. Auf manche ihrer Mitmenschen wirkte sie arrogant, und je älter sie wurde, desto weniger störte es sie. Sollten die anderen doch denken, was sie wollten. Schließlich war es ihre Meinung über die Reflexion ihrer selbst, das, was sie ausmachte, die zählte.

Als er ihre Hand ergriff und nicht mehr losließ, fühlte sie sich anders. Könnte es seine Stärke sein, die Art wie er sprach, alles was er tat, das sie einschüchterte? Sie!
Nein. Sie war beeindruckt. Nicht auf eine Art, die ihr bereits bekannt war. Dieses Gefühl saß tiefer in ihr drin. Als hätte es geschlummert, nur um durch seine Anwesenheit zum Leben erweckt zu werden.
Wie ein Buch las er sie, nicht befangen, ihr aus seinem vorzulesen. So oft sie wollte. Jedes Kapitel, auch jene, die sie erschreckten, ihr kalte Schauer über den Rücken jagten.

Sie fühlte sich nicht wie ein neuer Mensch, viel mehr wie jener, der sie immer gewesen war. Ihre eigene Stärke verdoppelt, fühlte sie sich größer als jemals zuvor.
Alles an ihr selbst, was sie nicht schätzte, wurde umgekehrt, durch seine Liebe relativiert.
Bewunderung kannte sie. War sie von Männern erzogen worden, deren Kampfgeist so beachtlich war, dass sie nicht anders konnte, als ihnen ihr Leben lang Tribut zu zollen.
Waren diese Ihre Segel in rauer See gewesen, erkannte sie jetzt:
Hier vor ihr stand ihr Kapitän.

Als er ihre Hand fester griff, tobte ein Sturm. Vor ihnen lag das Meer, wild und ungestüm. Zeiten ohne starken Wellengang waren nicht in Sicht und dennoch kannten sie ihr Ziel:
„Land in Sicht!“
Seine Arme hielten sie fest umschlungen, als sie die Augen schloss.
Für einen unendlichen Moment stand sie so da und wusste, es würden noch unzählige kommen.
Es war dieser Tag, als ein Anführer seinen Anführer fand.

„Willkommen an Board, Liebste“, sagte er und selbst in der Dunkelheit der See, konnte sie sehen.

Meine Wahl?

Nur Du, mein Zauber, mein Alles.
Ganz sicher.
„Du bist der, den ich gewählt habe“, sage ich leise.
Meine freie Entscheidung, ganz das, was ich will.
Ganz sicher?

Die Liebe scheint nicht nur unendlich,
sie erstreckt sich jeden Tag neu,
hindurch durch unser düsteres Tal,
das wir, gerade jetzt, unser Leben nennen.

Ich wusste, es wird schwer,
hab´ ihn gesehen, den steinigen Pfad.
Die Monster, sie lauern, bedauern
jeden unserer Erfolge.
Grinsen hämisch, über jeden Rückschlag,
der uns trifft.

Momente des Abschieds, für immer
eingebrannt.
Auf mein Herz tätowiert,
in meine Haut geritzt, mit rostiger Klinge.
Nie war ich glücklicher und
niemals, keine Stunde in meinem
Leben, trauriger als in diesem Moment.

Die Liebe lässt uns keine Wahl.
Sie bricht über uns hinein wie ein Feuer.
Seit jenem Tag brennen wir lichterloh.
Du und ich.
Die Liebe macht die Wahl, die wir
vermeintlich treffen könnten, entbehrlich.
Alsdann schlagen die Flammen hoch.
Es bleibt keine Wahl.

„Was du liebst, lass frei. Kommt es zurück, gehört es dir – für immer.“ Konfuzius

In welches Bild passt dieses Zitat der freigelassenen Liebe, die beseelt zu uns zurückkehrt? Manche sagen, es ist die Geste des Vertrauens, nicht die Freiheit selbst.
Andere wiederum glauben, Liebe sollte immer Freiheit bedeuten.
Durch die Freilassung kehrt die große Liebe zurück zu uns. Was jedoch war es,
was eine Befreiung notwendig machte? Vielleicht lieben wir so verzweifelt, so erstickend und einnehmend, dass nur das Tragen einer Zwangsjacke jene Liebe nachstellen könnte. Wir lassen keinen Zentimeter Platz, rauben dem anderen sprichwörtlich den Sauerstoff. Wir sind immer da.
Zu nah?

Jedoch gibt es auch jene Art von Liebe, die weder Freiheit noch Rückkehr benötigt.
Romantisch? Ja. Ausgedacht und nicht wahrheitsgemäß? Nicht immer.
Diese Liebe, die uns erst frei fühlen lässt. Weil wir fanden, was wir brauchten.
Dabei waren wir überhaupt nicht auf der Suche. Zumindest hören wir uns das
selbst gerne sagen, und während unsere Lippen die Worte formen, singt unser Herz
einen anderen Song. Den „Nach Dir habe ich mein Leben lang gesucht“-Evergreen.
„Endlich sind wir vereint“, geht es im Liedtext weiter. Abgerundet von „Nie wieder
möchte ich auch nur einen Tag ohne Dich sein“, im Chorus.
Liebe meines Lebens. Unsere. Für immer.

Welche Liebe ist die wahre?
In einer Welt, in der ein „Unentschieden“ scheinbar inakzeptabel ist, gibt es trotzdem keinen Sieger.

Menschen lieben. Anders.

Hoch verschuldet?

Kennt Ihr das Gefühl, dem Schicksal etwas schuldig zu sein?
Eben jenes Gefühl, das uns überkommt, wenn wir besonders glücklich sind.
Einige werden sagen, dass dies mit unserer eigenen Wertvorstellung oder ja, unserem
Selbstwertgefühl zu tun hat. Wer sich selbst liebt, ist in der Lage, Gutes, das ihm widerfährt, willkommen zu heißen, es auszukosten und durch keinen negativen Gedanken trüb werden zu lassen. Angeblich.

Vielmehr ist es doch so, dass wir „alltägliches Glück“ gerne übersehen und nicht bewerten.
Unsere Gesundheit ist uns zumeist dann wertvoll, wenn Störfaktoren auftauchen. All die Tage, Monate und Jahre, an denen wir uns vollkommen gut gefühlt haben, fallen doch erst dann wirklich ins Gewicht, wenn sie scheinbar, wenngleich hoffentlich nur vorübergehend, vorbei sind.

Die Dankbarkeit und somit die Ängste, es könnte nun etwas Schlimmes folgen, steigen an, sobald die Erlebnisse über eben dieses „alltägliche Glück“ hinausgehen.
Eine Beförderung, die mehr Selbstverwirklichung und Reduzierung der finanziellen Ängste herbeiführt. Wir freuen uns ehrlich, sind dankbar. Auch stolz auf unsere eigenen Leistungen.
‚Wann kommt er denn nun, der Schlag ins Gesicht?‘, grübeln wir.

Unaushaltbar, die nackte Angst, es könnte nun etwas Furchtbares geschehen.
Etwas Unaussprechliches. Das Gefühl, der Teilzeitabergläubische in uns, müsste allein beim Aussprechen dieser schrecklichen Situationen, dreimal auf Holz klopfen.
Ja, genau diese Angst überkommt uns, sollten wir zu den Glücklichen gehören, die ganz ohne Zweifel den einen, den ihren, den „für immer“- Menschen für sich gefunden haben.
Jeder einzelne Blick voller Liebe, auch nachdem die anfängliche Verliebtheit bereits hätte verschwinden müssen, sie jedoch nach und nach durch etwas Größeres, Stärkeres, die wahre Liebe, ersetzt wurde. Diese Überdosis Liebe und Gefühle, die kein anderer Mensch uns je empfinden ließ. Solch eine Liebe, die von außen zwar beobachtet, jedoch nicht nachempfunden werden kann. Existiert sie doch nur zwischen Euch beiden.

Was folgt darauf?
Es kann nur etwas Schreckliches sein.
Der Verlust eben dieses Menschen.
Eines anderen Geliebten? Des eigenen Lebens?

Habt Ihr noch etwas „gut“ beim Schicksal? Euer Konto im Plus?
Ich möchte es nicht hoffen. Hoffe auf Balance, auf eine Null im Kontoauszug des Lebens.
Während ich daran denke, an das Beste, das mir je passiert ist, Dich, klopfe ich auf Holz.
Exakt dreimal und hoffe, dass die Zinsen für meine Rückzahlung auf Raten, nicht steigen.

Was wir zu glauben bereit sind

Schneeweiße Wäsche, fleckenfrei. In nur einem Waschgang.
Das neue Produkt. Eine Innovation auf dem Markt.
Vom Ladenregal wandert das Zaubermittel direkt in unsere Hand.
„Hat es funktioniert?“, fragt die Freundin eine Woche später.
„Geht so, habe mehr erwartet“, geben wir zurück.

Kunstwerk der Technik, unübertroffen in Bedienung und Funktionalität.
Auch das ausgeklügelte, schlanke Design, einfach toll.
Das darf dann ruhig etwas mehr kosten.
Nach Wochen der Nutzung, fragen wir uns, ob dieses
neue System, unser eigener kleiner Droide, das Geld wert war.

Wir sind bereit, zu glauben.
An die Lügen der Werbung.
Propaganda und schlechte Berichterstattung wechseln sich ab.
Wir sind zu glauben bereit. Sind wir es nicht sofort, so werden
wir mürbegemacht, bis wir es sind.

Was wir nicht zu glauben bereit sind:

Ich liebe Dich.

Lass‘ uns Freunde sein.

Du bist besonders.

Natürlich, wir sind ja auch schon oft genug getäuscht oder sogar enttäuscht worden, nicht wahr? Ist es nicht so, dass wir eben nicht unendlich viele Chancen geben? Seien es auch verschiedene Menschen, die nicht im geringsten Schuld daran tragen, was ein anderer uns versprochen und nicht gehalten hat. So sei es drum, wir wollen nicht schon wieder ins Stolpern geraten.

Das neuste Produkt, obwohl das letzte schon eine Enttäuschung war?
Natürlich reservieren wir uns sofort einen Platz in der Warteschlange. Mag sie auch noch so lang sein.

Geschichten eines Lebens

„Opa, erzähl mir eine Geschichte“, sagte Pauline fordernd und zupfte ihren Großvater neckisch an seinem Ärmel.
„Mein Engel, aber Du kennst alle meine Geschichten bereits. Ich bin doch nur ein alter Mann. Neues habe ich nicht zu erzählen“, gab ihr Großvater sanft zurück und umarmte sie.
„Keine Ausreden, Opa, nun fang schon an“, lachte sie und wusste, der Tag, an dem ihr der Wunsch einer Geschichte verwehrt werden würde, würde niemals kommen.

„Na gut, Du hast es so gewollt“, begann er. Dabei sah er Richtung Himmel, als könnte er die Zeilen in den Wolken ablesen:

„Als ich noch klein war, ein wenig jünger als Du jetzt, Pauline, sah ich auf einem Volksfest einen Mann Trompete spielen. Ich war so fasziniert von ihm und seinem Instrument, dass ich jeden Tag, solange das Fest andauerte, zu der kleinen Bühne zurückging, auf der er täglich mehrere Auftritte hatte. Menschen gingen vorbei. Manche warfen ihm silberne Münzen in seinen Hut am Bühnenrand. Ich saß einfach nur da und lauschte. Sobald der letzte Tag des Volksfestes angebrochen war, begann ich mich zu fragen, wo ich fortan solch schöne Musik hören könnte. Ich ging ein letztes Mal zum Marktplatz, um dem Trompetenspiel zu lauschen. Nach seiner Vorstellung hielt der Mann kurz inne, drehte sich zu mir herum, so als konnte er nicht entscheiden, ob er mich ansprechen oder ignorieren sollte. Ich lächelte, in Vorfreude, er würde mich beachten. Leider drehte er sich auf dem Absatz herum und verschwand ohne ein Wort. Enttäuscht saß ich dort, die Klänge seiner Musik konnte ich noch immer hören. Eine einzige Träne lief über meine Wange, bevor ich mich aufrichtete und den Heimweg antrat.

Meine Geschwister, insgesamt waren es 13 an der Zahl, drängten sich bereits um den Esstisch. Jeder wollte das beste Stück, und an manchen Tagen waren wir glücklich, wenn wir überhaupt ein kleines Stück von irgendetwas bekamen, ob es nun das Beste war oder nicht. Meine Schwester, Greta, die einige Jahre älter war als ich, zog mich am Ohr, als ich mich setzte und lästerte: „Blödmann, was hast Du heute wieder getrieben, sag schon!“
Ich befreite mich aus ihrem Griff und sagte: „Ich war beim Volksfest und habe dem Trompetenspieler zugehört.“
Ein Raunen ging über den Tisch, während ein paar meiner Geschwister sogar mit den Augen rollten. Natürlich, „der Blödmann“ machte eben auch nur Blödes. Wie konnte es anders sein.

Später in diesem Jahr, es war vor Weihnachten, ging ich einen Umweg durch die Stadt.
Meine Mutter hasste es, wenn ich diesen Umweg von der Schule nach Hause nahm. Zum einen brauchte ich viel länger, und zum anderen führte er mich vorbei an all den Schaufenstern, die besonders zu dieser Jahreszeit mit Dingen gefüllt waren, die wir uns niemals hätten leisten können. Ich liebte es, schöne Dinge zu betrachten, auch wenn die Möglichkeit, etwas davon auf meinen Wunschzettel für das Christkind zu setzen, nicht gegeben war.
‚Wozu war überhaupt ein Wunschzettel notwendig?‘, dachte ich im Stillen.
Waren solche Kinder nicht in der Lage, sich den Wunsch, den sie hatten, zu merken?
Mussten sie ihn aufschreiben wie der Lehrer Schmidt, der sicher über 100 Jahre alt war?

Mein Weg führte mich vorbei an Haushaltswaren, Süßigkeiten und Büchern.
Alle Auslagen waren schön anzusehen. Ich schmeckte beinahe den Karamell auf meiner Zunge, als ich die mit Bonbons gefüllten Gläser im Schaufenster sah. Nichts von alledem brachte mich dazu, anzuhalten, innezuhalten. Bis ich in einem Gebrauchtwarenladen etwas Goldenes sah: Eine Trompete.
Ich starrte sie an, so als würde ich erwarten, dass sie wie von Zauberhand begann, zu spielen. Der Mann, dem der Laden und somit auch die kostbare Trompete gehörte, starrte mich indessen an. Als er in Richtung Tür lief, stieg Panik in mir auf.
Würde er mich vertreiben wollen?
Ich war nicht sicher, ob es mir nun lieber gewesen wäre, er hätte mich ignoriert wie der Trompetenspieler auf dem Volksfest. Die Tür öffnete sich ruckartig, und ich stand dort wie versteinert und sah ihn mit offenem Mund an.
„Mein Junge, kann ich Dir helfen?“, fragte er mürrisch.
„Nein, nein, nein. Es tut mir leid. Mir gefällt diese Trompete“, antwortete ich, hektisch mit den Armen gestikulierend.
„Sie kostet 70 Mark, hast du so viel?“
„Oh nein, nein“, sagte ich und war mir nicht sicher, ob ich so viel Geld jemals gesehen hatte.
Der Mann überlegte, wahrscheinlich, ob er mich nun verjagen sollte, nachdem er sichergegangen war, dass ich kein kaufkräftiger Kunde war. Als hätte er das nicht bereits zuvor gewusst, so arm wie ich ausschaute.„Hör zu. Junge“, sagte er und sein Blick klarte auf.
„Ich könnte wirklich Hilfe im Laden gebrauchen. Bis zum Frühling muss ich meine Lagerräume auf Vordermann bringen. Wenn Du mir damit hilfst, für ein paar Stunden jeden Tag, gehört die Trompete Dir.“
Ich konnte mein Glück nicht fassen. Abwechselnd blickte ich auf die Trompete, diesen goldenen Schatz und den Mann. Er meinte es ernst!
„Ja, natürlich, sofort. Wann, ich meine, wann kann ich anfangen?“
„Komm‘ morgen nach der Schule vorbei, dann zeige ich Dir alles.““

„Opa, nun spiel mir ein Lied“, unterbrach Pauline die Geschichte, die sie schon so oft gehört hatte. Sie sprang auf, öffnete den Koffer und zauberte die Trompete hervor.
Als ihr Großvater zu spielen begann, schloss sie die Augen und saß ganz still neben ihm.
„Pauline, was hast Du aus meiner Geschichte gelernt?“, hielt er inne, die Trompete legte er aber nicht ab.

„Dass nichts Unmöglich ist. Unsere Leidenschaft für etwas niemals grundlos unseren Weg kreuzt. Auch wenn die anderen Witze darüber machen, uns nicht sehen wollen, wir es dennoch schaffen können, unsere Träume Wirklichkeit werden zu lassen.“

„Opa, Du warst ein ganz schön armer Junge, stimmt’s? Das tut mir sehr leid.“
„Das ist schon in Ordnung, mein Schatz. Damals habe ich bereits erkannt, wie reich ich im Herzen bin. Seitdem bin ich es immer gewesen.“

Mit einem Lächeln setzte er die Trompete wieder an und spielte weiter.
Der Klang und das Gefühl, für immer in ihrer beider Herzen.

Wie viele?

Wie viele Nächte hat sie verbracht,
auf der Suche nach der unendlichen Nacht.
Die Schönste von allen, mein „Jetzt und für immer“.

Wie viele Tränen hat sie geweint,
ohne jemals jene der wahren Liebe,
bis jetzt, geweint zu haben.

Wie viele Träume hat sie geträumt,
Abenteuer und Jubel erlebt, bis
sie den einen Traum fand, der
jede Nacht zurückkehrt, zu ihr.

Wie viele Momente war sie glücklich,
hat gelacht und gestrahlt,
ohne zu wissen, was Glück
eigentlich ist. Bis jetzt.

Wie viele Male hatte sie gefleht,
auf Knien, für diesen einen besonderen
Menschen, in ihrem Leben, bis jetzt.
Bis er kam.

Wie viele Jahre, Monate, Tage, Stunden und Minuten
liegen noch vor ihr, vor ihrer Unendlichkeit.
Wie viele?

Fragen

Was treibt Dich an?
Welches ist der Faktor, der Dich antreibt,
Dich zur Hochleistung anspornt?
Wo möchtest Du hin?

Wem gehört Dein Herz?
Hast Du DEN Menschen gefunden?
Suchst Du nach ihm?
Fühlst Du Dich geliebt, egal auf welche Art und Weise?

Warum liegst Du nachts wach?
Was ist es, das Deine Gedanken ausfüllt,
Dir schlaflose Nächte beschert?
Warum kannst Du es nicht auf morgen verschieben?

Was ist es, das Dich stark macht?
Woher nimmst Du Deine Stärke?
Musstest Du kämpfen, hattest
keine andere Wahl?
Bist Du ein Beschützer und wenn ja, wer
beschützt Dich?

Gibt es für Dich nur dieses eine Leben?
Glaubst Du, wir haben nur diese eine Chance?
Glaubst Du vielleicht, es gäbe viele oder
auch nur ein Leben nach diesem?

Was macht Dich glücklich?
Ein Lächeln auf Deinem Gesicht,
die Welt scheint in Ordnung.
Was ist es, das Dich glücklich macht?
Für nur einen Moment oder vielleicht für immer?

Welche Musik bringt Dich zum Tanzen?
Ob nun Deinen Körper oder Deinen Geist,
welche Musik, bringt Dich dazu, zu tanzen?
Kannst Du es beschreiben, dieses Gefühl?

Hast Du Lust zu tanzen, vielleicht mit mir?