Teil1

Nichts – Teil 1

Unsere Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit. Ich jedenfalls kann das gerade in diesem Moment, der schon unzählige Momente andauert, nicht bestätigen.
Alles, was ich sehe, ist schwarz. „Bin ich noch am Leben?“ frage ich mich.
Dort ist kein Geräusch, das an meine Ohren dringen könnte. Nichts. Man könnte sprichwörtlich eine Stecknadel fallen hören. Jeden Luftzug könnte man spüren, wenn dort einer wäre. Absolute Stille, Dunkelheit. Trostlosigkeit würde ich es nicht nennen. Es ist ein perfektes Nichts.
Außer meiner Erinnerung gibt es nichts, und auch jene findet nur tröpfelnd – wie sanfter Regen – den Weg zu mir.
Tausende Versuche habe ich unternommen, mich zu bewegen. Mein Körper – sofern dieser noch am Leben ist – gehorcht mir nicht. Meine Glieder – ich kann sie nicht spüren.
Vielleicht wurde ich lebendig begraben? Die Definition von „lebendig“ erscheint mir kompliziert.
Hörte ich einfach auf, zu sein? Schlagartig, ohne jede Vorwarnung?
Ich war doch nicht krank? Meine Erinnerung kommt in winzigen Bruchteilen zurück.
Nein, krank war ich nicht. Doch bin ich es jetzt?
Ein Unfall vielleicht? Nein, aber sicher bin ich nicht.
Habe ich jemals existiert? Ja, ich habe sogar gelebt. Glücklich.
Ist das mein Ende? Vielleicht. Vielleicht habe ich das Ende auch verpasst. So wie den Anfang.

Bei allen Versuchen, die ich unternommen habe, seitdem ich mich in diesem Zustand befinde, gab es einen, den ich nicht gewagt habe: Atmen.
Es kam mir nicht einmal in den Sinn, einen Atemzug zu versuchen. Zu hoffen, meine Lungen würden sich mit Sauerstoff füllen, diesem Dasein ein Ende setzen oder einen neuen Anfang.
Was hatte ich zu verlieren? Außer dem Nichts, in dem ich schwebte.

Würde die Realisation, dass es für mich keinen weiteren Atemzug gibt, mich traurig machen? Trauriger als jetzt könnte ich doch wahrhaftig nicht sein.
Ich musste es wagen. Weitere Bruchstücke fügten sich meiner Erinnerung hinzu.
Es war mir, als schmeckte ich Salz auf meiner Zunge.
Ist es mein Gehirn, das mir nun Empfindungen vorgaukelt, um mir den Abschied zu erleichtern?
Wind kann ich spüren. Keine leichte Brise, es ist ein gewaltiger Sturm.
Es fühlt sich an, als schleuderte der Sturm scharfe Splitter; sie schneiden in mein Gesicht.
Das Pfeifen des Windes, es saust durch meine Ohren. Ich möchte sie zuhalten, meine Glieder, sie verweigern mir weiter ihren Dienst. Die Erinnerung, sie verschwimmt. Vom Sturm fortgetragen, nicht allmählich, sondern mit einem einzigen Windstoß. Fort ist sie. Was bleibt, ist Dunkelheit und quälende Stille.

Ich muss atmen. Falls ich kann.
Wie viele Tage und Stunden ich gehadert habe, kann ich nicht sagen.
Das Gefüge Zeit, nicht mehr mit mir verwoben. Nicht greifbar.
Nun, da ich bereit bin, frage ich mich, ob man jemals vergessen kann, wie man atmet.
Zu lange gegrübelt, Chance verpasst?
Alle Kraft, die ich aufbringen kann, muss ich nun bündeln, ich weiß keinen anderen Weg, deshalb spreche ich in Gedanken: „Atme, nun atme schon!“

Stille.
Dann ein Zischen.
Was nun?

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Wer bin ich?

In meinem früheren Leben war ich Vegetarier, müsst ihr wissen. Bereits in frühester Kindheit brach mir das Herz, beim Gedanken an das Leid der Tiere, die schlussendlich auf der Menschen Teller landeten. Doch es kam der Tag, an dem erwachte ich mit Gier. Blanke Wut stieg in mir auf, beim Gedanken an Grünzeug. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen, es nicht einmal versuchen. So gab ich nach und tue es seitdem. Oft fragte ich mich, warum ich nicht einmal Reue verspürte, hätte mich der Genuss von Fleisch früher noch zum Würgen gebracht, mir die Tränen in die Augen getrieben. Während ich nun leichtfüßig Felsen und Berge erklimme, hätte mich früher ein Rentner im 100 Meter Sprint um Längen geschlagen.

Tatsächlich ist das sogar einmal passiert, so ähnlich zumindest. Ein Tag im Frühling, ungeduldig wartete ich auf den Bus, der mich von der Uni nach Hause bringen sollte. Ich las im Stehen. An der Haltestelle saß ein älterer Gentleman und las ebenfalls. So geschah es, dass wir beide den Bus nicht bemerkten, als er auf die Haltestelle zusteuerte. Auch die Haltezeit von beinahe fünf Minuten zog an uns vorüber.
Beim Umblättern der Seite sah ich aus dem Augenwinkel den Bus, der sich gerade wieder in Bewegung setzte. Ich schrie „Halt, halt!“ und rannte los. Der alte Mann tat es mir gleich, seinen Krückstock in der einen, seine Lektüre in der anderen Hand. Der Bus hatte Mühe durch die belebte Straße zu kommen, sonst wären wir von Anfang an chancenlos gewesen.
Kurz vor Erreichen des Busses riss es mir die Füße weg, ohne jeden ersichtlichen Grund. Für andere war er ersichtlich, denn ich war der Grund. „Ewiger Tollpatsch und Klassentrottel“ würde irgendwann auf meinem Grabstein stehen. Dessen war ich mir sicher.
Das Fallen über meine eigenen Füße war schon immer eine meiner Spezialitäten gewesen. Kauernd neben dem Bürgersteig, rieb ich mir das rechte Knie, das mit dem Gullydeckel Bekanntschaft gemacht hatte. Ich sah auf. Opa – sicher war er jemandes Opa – hatte den Bus tatsächlich erreicht. Stieg gemütlich und zufrieden ein. Als sich die Türen wieder schlossen, war ich noch zu weit entfernt, ganz besonders davon, wieder aufzustehen.
Der Alte ging zum Ende des Busses und setzte sich in die letzte Reihe. Ihr wisst ja, die letzte Reihe ist für die coolen Kids. Lächelnd winkte er mir zu, als der Bus seines Weges fuhr. Immer noch außer Atem, im Versuch mich aufzurichten, gerade als ich dachte, es könnte nicht schlimmer sein, kam eine junge Frau mit Kinderwagen an mir vorbei. Ihr Sprössling, der offensichtlich unzufrieden mit seinem Saft war, ergoss diesen kurzerhand über meinem Kopf. Sie lachte verlegen und sagte: „Das tut mir furchtbar leid! Kinder, was soll man machen?“ Ich konnte sie nicht ansehen, da ich damit beschäftigt war, mir die grüne Flüssigkeit aus dem Gesicht zu wischen. Sobald ich wieder halbwegs gute Sicht hatte, war sie verschwunden. Aber natürlich, was soll man schon machen?

Eine frische Brise erfasst mich, ich nehme einen tiefen Atemzug und setze zum Sprung an. Der nächste Fels ist ein gutes Stück entfernt, doch dort will ich hin. Mit nicht einmal einem Drittel meiner Kraft erreiche ich mein Ziel und sehe mich prüfend auf der Lichtung um. Könnte ich laut lachen, würde ich es tun, beim Gedanken an das jämmerliche Leben, dass ich zuvor hatte.

Mein Leben war geprägt von armseligen Geschichten. Ich war immer der Außenseiter und Sonderling. Keine Chance auf Erniedrigung schien ich auszulassen, selbst dann, als ich mich längst mit meinem Dasein abgefunden und mich nur noch in meinem ebenso jämmerlichen Apartment verkroch, fühlte ich mich anders und von anderen verurteilt. Ein Mädchen hatte ich nie gehabt, wie auch, kamen doch in Anwesenheit von halbwegs interessanten Frauen nur noch abgedroschene Witze und komisches Gekicher aus meinem Mund. „Man lacht nicht über seine eigenen Witze“, hatte mein Vater immer gesagt. Das mag richtig sein, was aber, wenn sonst auch niemand lacht, niemals?
Es war nicht so, dass mein Aussehen besonders hilfreich gewesen wäre. Hager und bleich war ich immer gewesen. Der Haarausfall setzte mit Anfang zwanzig ein und beendete sein Werk ein Jahr später, als kaum noch etwas von dem, was halbwegs als Frisur durchgegangen wäre, übriggeblieben war.
Ich war die Art Sonderling, die selbst die eigene Familie als sonderbar einstuft. Nicht mal die Menschen, von denen man meinen könnte, sie müssten, konnten Gemeinsamkeiten mit mir entdecken. Ich kann es ihnen nicht übelnehmen.

Die Sonne hat ihren höchsten Punkt erreicht. Ich schließe die Augen und strecke mich genüsslich auf meinem Felsvorsprung aus. Wie ich hier herkam? Wenn ich das wüsste, dann wäre ich schon früher hergekommen. Sofern ich den Weg gefunden hätte.

Alles begann in einer lauen Sommernacht. Nach Stunden vor dem Computer, beschloss ich, einen kleinen Spaziergang zu machen. Im Hausflur verspottete mich Frau Kling, meine Nachbarin, ohne die Verwendung jeglicher Worte. Ihr Blick sagte alles. War es Mitleid oder nur Spott? Ich schätze, ein wenig von beidem. Normalerweise ging ich an solchen Abenden meine übliche Route entlang des Flusses, wenn ich anhielt, dann um die vorüberfahrenden Autos zu betrachten. Ich liebte den Trubel, der zu jeder Tageszeit in der Stadt herrschte. An diesem Tag entschied ich mich für einen neuen Spazierweg am Waldrand entlang. ,Für einen neurotischen Einzelgänger wie mich, der Routine liebte, war bereits das ein Wagnis’, dachte ich und schmunzelte. Andere stürzten sich mit Fallschirmen endlos tief in Richtung Boden, während es für mich ein Erlebnis war, die Route meines Spaziergangs zu ändern. Zu diesem Zeitpunkt war mir nicht bewusst, wie sehr diese Entscheidung ein Abenteuer werden sollte.

Ich hing meinen Gedanken nach, als ich mich an einer Lichtung in mitten des Waldes wiederfand. Es war so ruhig, dass es beinahe bedrückend war, also beschloss ich, den Heimweg anzutreten. Meine Uhr war stehen geblieben, was mich nicht weiter verwunderte. Dennoch war ich sicher bereits seit zwei Stunden unterwegs. Wer weiß wie lange der Heimweg mich kosten würde.
Hinweg über einen kleinen Graben – wenn man das so nennen konnte – sah ich eine mögliche Abkürzung. Ich beschloss sie nicht einzuschlagen. Der Weg war von moosbewachsenen Steinen übersät, und ich kannte mein Glück. Ihr erinnert euch an die Geschichte mit dem Bus und dem Opa? Ich ging also brav denselben Weg, den ich gekommen war. Bis ich nicht mehr gehen konnte. Ich steckte fest. Mein rechter Fuß tief im Matsch eingesunken. Durch meine Versuche mich aus der Situation zu befreien, sank ich nur tiefer ein ’Scheiße, das musste ja passieren!’ dachte ich und ergriff einen Ast, um mich daran hoch zu ziehen. Meine Gedanken schweiften ab, zu meiner Sportlehrerin aus Schulzeiten: „Nur Versager und Mädchen schaffen es nicht hinauf am Tau“, hörte ich sie in meiner Erinnerung sagen. Sie blies außerdem in ihre Trillerpfeife, um mich noch mehr zu verspotten. Als mir der Matsch, von dem ich später lernen sollte, dass es sich um ein Moor handelte, beinahe bis zum Kinn stand, konnte ich an nichts Anderes denken als an meine Sportlehrerin und ihre viel zu engen Shorts. Verdammt, das war wirklich kein schöner Anblick gewesen!. Erst jetzt kam mir in den Sinn, um Hilfe zu rufen, war ich es doch gewohnt, dass meine Hilferufe, während die coolen Jungs mich verprügelten, überhört wurden. Nun schrie ich aus Leibeskräften. Die dunkle Masse hatte nun meinen Mund erreicht und ich warf den Kopf in den Nacken, um atmen und schreien zu können. Wie ihr sicher schon ahnt, wäre jede Hilfe zu spät gekommen, allerdings kam auch keine.

Hier sitze ich nun und schaue auf die besagte Lichtung. Die Sonne ist beinahe untergegangen. Dem klugen Leser sollte das sagen, dass ich die Sache irgendwie überlebt habe. Wie? Keine Ahnung. Ich weiß nur als ich erwachte, war es so:

Als ich die Augen aufschlug, musste ich mehrmals blinzeln. Die Sonne war aufgegangen, irgendjemand hatte sich meiner erbarmt und mich im letzten Moment aus dem Moor gefischt. Gott sei Dank oder eher: Meinem Helfer sei Dank! War ich wirklich dankbar?
Ich sah mich um, um mich war nichts zu sehen als Bäume. Als mein Blick nach links schweifte, erschrak ich bis ins Mark: Ein totes Reh! Oh mein Gott! Wer, ja, wer hatte das arme Tier so zugerichtet? Kennt ihr die Redensart: „Man sollte nicht den Kopf verlieren“? Nun ja, dieser Ratschlag ist wohl nicht recht zu diesem Reh durchgedrungen. Sein Kopf lag abgetrennt neben dem leblosen Körper. Igitt! Blut war überall. Vor Ekel schlug ich mir die Hände vor die Augen. Moment mal, was war mit meinen Händen los? Meine Finger gehorchten mir nicht und sie fühlten sich an, als gehörten sie mir nicht. Ich blickte an mir herunter und sah, was ich nie für möglich gehalten hätte. Dann sprang ich auf und richtete mich auf, auf zwei Beinen war das plötzlich ganz schön komisch. So wie ein Elefant im Zirkus. Als ich mein Gesicht abtastete, fühlte ich nichts, zumindest nichts von dem, was dort einmal gewesen war. Erneut fiel mein Blick auf meine Hände, und nun ja, es war so:

Ich hatte keine Hände mehr, ich hatte Pfoten!