Teil2

Traum

Hendrik rieb sich verwundert die Augen. Er blickte in einen Himmel voller Sterne.
Ein paar Sternschnuppen waren hier und da zu sehen. Er sah sich um und erkannte, dass dies wohl ein Traum war. War es?
Er saß auf einer Parkbank in einem Park, den er zuvor nie gesehen hatte.
Bis auf das Zirpen der Grillen war nichts zu hören. Langsam ließ Hendrik seinen Blick über die Wiesen vor ihm gleiten. Eine wunderschöne Gestalt bewegte sich langsam auf ihn zu.
Ein Engel? Sie winkte ihm lächelnd zu. „Bunny!“ rief er laut und sprang von der Parkbank.

„Hendrik“, sagte sie und breitete die Arme aus, als sie nur wenige Schritte von ihm entfernt war. „Ich habe Dich vermisst. Du warst lange nicht hier an unserem Platz.“
Er schloss sie in die Arme und atmete ihren Duft ein. Obwohl die Wiesen blühten, roch Bunny nach Zimtstangen. Hendriks liebster Duft.
„Komm, setzen wir uns“, sagte er und deutete mit der Hand auf die Parkbank.
So saßen sie da und blickten gemeinsam in die Sterne, und langsam griff Bunny nach seiner Hand. Er wagte es nicht sie anzusehen, zu sehr fürchtete er, der Moment, der Traum würde dadurch zerplatzen wie eine Seifenblase. Zu viele dieser Träume hatte er bereits gehabt.
Er wollte, dass dieser andauerte, so lange es nur ging.

„Bist du bereit über die Sache zu reden?“ fragte Bunny und drückte seine Hand fester.
„Was meinst Du, über was reden?“ gab Hendrik ehrlich verwundert zurück.
Er sah sie fragend an.
„Na, dass Du ganz offensichtlich Angst hast, mich zu verlieren.“
„Habe ich das nicht bereits, Dich verloren?“
„Wir sind jetzt zusammen, Hendrik. Beantworte Dir die Frage selbst.“
Als Worte nicht mehr genug waren, genau in dieser Sekunde, beugte sich Hendrik zur Seite, beide Hände umschlossen sanft Bunnys Gesicht, als er sie sanft küsste.
Der Moment flog nicht vorbei, er wurde immer intensiver, bis ihre Lippen sich langsam wieder voneinander entfernten und sie sich tief in die Augen sahen.
Bunnys Augen strahlten und Hendrik dachte, wie klischeehaft genau diese Beschreibung doch war. Verzaubert sah er sie an, bewunderte ihre Schönheit. Ohne Worte, bis sie das
Schweigen brach: „Ich wünschte, es könnte immer so sein, Hendrik. Jeden Tag“,
sagte sie leise und sah dabei in den Himmel. Ihre Augen folgten einer Sternschnuppe, die genau in jenem Moment ihren Weg über den Himmel beschrieb.

Ein lautes Klopfen ließ Hendrik hochfahren. Seine Seifenblase zerplatzte.
„Hey, hey Junge! Solltest Du nicht auf dem Weg nach Hause sein?“, fragte ihn der Mann, den er als Hausmeister der Klinik erkannte. Dabei musterte er ihn durch das Beifahrerfenster von Hendriks Wagen.
„Du verschläfst noch deinen freien Abend“, setzte er nach.
Hendrik sah ihn mit erstaunter Miene an: „Ja, ja, bin schon weg. Versprochen, ich fahre gleich“, antwortete er noch immer erstaunt.
Mit einem Grummeln ging der Hausmeister seiner Wege, drehte sich aber nochmals lächelnd und kopfschüttelnd zu Hendrik um.

Hendriks erster Blick fiel auf sein Smartphone. Eine Reihe unbeantworteter Nachrichten waren dort und er nahm nicht an, dass er Lust hatte, diese zeitnah zu beantworten.
Am liebsten hätte er das Fenster geöffnet und das Gerät soweit über den Parkplatz geworfen, wie es nur möglich war. Er startete seinen Wagen und als er dabei war, sein Telefon in die vorgesehene Halterung zu stecken, sah er etwas, dass ihn zutiefst erschütterte. Das heutige Datum: 13.11.2017, 20:46 Uhr.

Traum oder Trauma?

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Nichts – Teil 2

Der Schmerz brennt meine Brust hinab, und ich könnte nicht glücklicher sein.
Hier ist es, ein echtes Gefühl, ich brenne!
Ein weiterer Atemzug, der Schmerz unerträglich.
Er steigt hinauf in meinen Kopf, ich kann ihn spüren, er hämmert und vibriert.
Meine Glieder reißen, der Schmerz lässt nicht nach.
Fülle meine Lungen erneut mit Sauerstoff. Immer stärker, die Flammen in meiner Brust.
Das Zucken meiner Arme, ich kann es nicht kontrollieren.
Jegliche Qual, erträglicher als das Nichts in dem ich war.

Gebettet in körperlichem Elend, kommt meine Erinnerung wieder.
Wie ein Donnerschlag. Ein Tag am Meer windig und trüb. Mit Sand unter meinen Füßen führte mich mein Weg am Strand entlang. Wolken zogen düster vorbei, bis sie sich bündelten. Schwärzer wurden. Stärker und härter wurde der Sturm, ich wollte umkehren. Das hätte ich längst tun sollen.
Auf dem Absatz machte ich kehrt. Ich sollte etwas schneller gehen, als ich gekommen war. Die Welt schien unterzugehen.
Ich blickte auf die raue See. Die Wellen tobten, Blitze zischten über sie hinweg.
Das Pfeifen des Sturms in meinen Ohren, war es mir, als hörte ich Schreie.

Ich suchte die Wellen ab, meine Sicht verschwommen, von Regen und Sand, welche mir unnachgiebig ins Gesicht peitschten. Dort sah ich es, direkt vor mir, tatsächlich aber kilometerweit entfernt. Beinahe hätte ich es übersehen. Dort ertrank ein Mensch. Geistesgegenwärtig sah ich mich um: „Hilfe! Wir brauchen Hilfe!“ rief ich aus Leibeskräften. War der Strand zuvor voller Menschen, so war ich nun allein. Nicht eine Menschenseele in Sicht. Ich musste helfen! Streifte meine Jacke und Schuhe ab, während ich in Richtung Meer stolperte.
„Ich komme, ich komme Ihnen zu Hilfe!“ schrie ich.
Im Wasser angekommen, merkte ich, dass die Rettung beschwerlicher werden würde als ich angenommen hatte. Die Wassermassen pressten sich von allen Seiten gegen meine Glieder. All meine Kraft legte ich in Arme und Beine und schwamm.
Endlos erschien mir die Zeit, in der ich mich auf den in Not Geratenen zu bewegte.
Zuviel Wasser schluckte ich, trieb mich an, von Husten geschüttelt.
Als ich mein Ziel erreichte, erkannte ich die junge Frau, die nun nicht mehr schrie.
Sie trieb still in den hohen Wellen.
Kam ich zu spät? Beim Versuch sie zu fassen, bemerkte ich die Schwere ihres Körpers. Wie sollte ich sie und mich zurück ans Ufer bringen?
Ich schlang beide Arme um ihre Schultern, schwamm rückwärts.
Von der nächsten unaufhaltsamen Welle erfasst, fühlte ich das Wasser, das meine Lungen füllte. Ich hielt sie fest, drückte sie an mich.
Unter Wasser öffnete ich meine Augen. Die Aussichten in jeglicher Hinsicht pechschwarz. Meine Erinnerung, hier schwimmt sie davon. Von hier an war nichts.
War ich nicht mehr?

Der Schmerz des Atmens – vermutlich nur ein Hirngespinst – gab ich ihm dennoch eine weitere Chance. Ich konzentrierte mich nun auf nichts Anderes, ließ die Erinnerung ziehen. Weit fort. Er kam zurück, der brennende Schmerz. Strömte nun auch aus meinen Augen wie salziges Wasser. Doch als es schien, als wäre jede weitere Minute in Qual mein sicheres Ende, atmete ich weiter.
Immer weiter.